Ballroomatmosphäre im Jazzkeller

35 Jahre Jazz Swing College Band – Big Band der Musikschule Krefeld

Genau das aber passierte am 10. Dezember 2019 mit der Jazz Swing College Band. Die Big Band der Musikschule Krefeld unter ihrem Leiter Oliver Hirschegger bestand im Herbst 2019 35 Jahre und lud daher zur Geburtstagsfeier in das Traditionslokal ein. Im Oktober 1984 scharte der international renommierte Posaunist Arnold Schiffer eine Gruppe junger Musikerinnen und Musiker um sich, und initiierte eine Band, deren Sound schnell seine Anhängerschaft fand. Wo immer er mit seiner Band spielte, sammelten sich die Freunde der Swing Ära, die musikalisch keineswegs zum alten Eisen zu zählen war. Bis heute hat sie sich ihre Berechtigung in unterschiedlichen Kontexten erspielt und erhalten.

Zugegeben, an die großen Ballrooms wie etwa den Savoy Ballroom im New Yorker Stadtteil Harlem denkt vermutlich niemand, der die Absicht hat, den Krefelder Jazzkeller zu besuchen, allein schon die Namensgebung weckt keine gemeinsamen Assoziationen. Und dennoch zeigt die Geschichte zumindest einen kleinen Berührungspunkt. Im gleichen Jahr, als der Savoy Ballroom seine Tore für immer schloss, öffnete sich am oberen Ende einer steilen Treppe die Türe zum Krefelder Jazzkeller, nämlich 1958. Damit ist das Lokal das viertälteste dieser Art in Deutschland und hat in seiner Vergangenheit manche Musikgeschichte erlebt und selbst auch mitgeschrieben. Tatsächlich findet sich im Untergeschoss der Lohstraße 92 in Krefeld kein Saal mit Kronleuchtern und Gästen in edlen Roben, und auch die darbietenden Musiker sind in aller Regel gering an der Zahl. So kommt es nur sehr selten dazu, dass eine komplette Big Band den Weg in den Untergrund antritt, um dort ihre Musik zu präsentieren.

Über die dreieinhalb Jahrzehnte wechselten neben den meisten Musikern naturgemäß auch die Bandleader, allerdings in so großen Abständen, dass jeder von ihnen der Band seinen eigenen Sound vermitteln konnte. Auf Arnold Schiffer folgte nach ca. zehn Jahren sein Freund Laszlo Dömötör, der nach ähnlich großer Spanne an seinen früheren Schüler Oliver Hirschegger übergab. Der Konzertabend im Jazzkeller schlug den Bogen über die gesamte Bandgeschichte und machte dabei vielerorts Station an markanten Punkten.

Frühere Wegbegleiter und große Gastnamen erhielten ihre Reminiszenzen an diesem Abend. Da war der große und einzigartige Posaunist Bill Watrous, mit dem die Jazz Swing College Band 2015 ein gemeinsames Konzert gestaltet hatte und der 2018 knapp achtzigjährig verstorben ist. In Erinnerung an diesen großartigen Musiker spielte die Band seinen Titel „A Time For Love“, mit dem Christoph Markloff-Müller, 1. Posaunist der Band, die Zuschauer fesselte und durch jeden einzelnen Ton ihre Sinne gleichsam miteinander verschmelzen ließ.

Auch die eigenen Reihen brachten Großes und Große hervor. Das „Herbsthighlight“ 2019 setzte der frühere Schüler der Musikschule und heute weltweit agierende Trompeter Christian Meyers, der im Oktober ein gefeiertes Konzert in der Musikschule mit der Band gab. „Ballad for A Friend“, von Peter Herbolzheimer für seinen Freund Ack van Royen komponiert, war einer der von Christian Meyers dargebotenen Titel auf der Trompete. Oliver Hirschegger gelang damit nun mit seiner Interpretation auf dem Saxophon eine Stimmung, bei der die Sorge aufkam, das Publikum könnte zeitweise das Atmen vergessen haben. Vermutlich hatten alle dabei Gedanken an jemanden, dem wiederum sie die Ballade widmen wollten.

Zu den dargebotenen musikalischen Besonderheiten zählten auch einige Titel, deren Bearbeitung heraussticht. Die Band weiß unter ihren Mitgliedern nicht nur hervorragende Musiker und Solisten, sondern einen eigenen Arrangeur. Mit Florian Raepke, der selbst als Schüler der Musikschule seine ersten instrumentalen Schritte gegangen ist, kann die Band auf jemanden setzen, der durch seine Kenntnis der Band immer die Arrangements kreiert, die ganz speziell auf diesen Klangkörper zugeschnitten sind. Dabei zeigt er in der Bearbeitung von Jazzstandards gleich hohe Treffsicherheit wie bei Ausflügen in die klassische Musik, wie der Abend am Beispiel eines Arrangements des Chormotivs aus Beethovens 9. Sinfonie bewies.

Es gab aber nicht nur Musik nach dem Motto „alle, die wir früher mal getroffen haben“, sondern ein ganz besonderer Gast, der mit der Jazz Swing College Band schon über viele Jahre bis heute verbunden ist und das Zuhören immer wieder zu einem besonderen Erlebnis gemacht hat, gab dem Abend eine Stimme, ihre Stimme: Kerstin Brix. In allen Lagen zuhause sorgte sie dafür, dass der Jazzkeller mit ihrer Stimmgewalt scheinbar sogar den Behnischbau an die gegenüberliegende Häuserfront drücken wollte. Bisher andächtiges und anerkennendes Raunen, gepaart mit begeistertem Applaus wichen hier überbordender Spielfreude bei allen Beteiligten und Zuhörern. Und Kerstin Brix schaffte es doch, wenn man so ungeschickt war, für einen Moment in der Enge des Kellers die Augen zu schließen, dass man sich zumindest akustisch im Savoy Ballroom glaubte. Die eher ruhigeren Titel perlten dabei ebenso wie die Up Tempo Nummern, an deren Gelingen die Rhythmusgruppe, bestehend aus Markus Giesen am Klavier, Michael Kuhlmann und Niels Roos, die sich am Bass abwechselten, und Dennis Janson am Schlagzeug maßgeblichen Anteil hatten und nicht nur nach Maßgabe des Bandleaders zu den wenigen des Landes gehören, die dazu im Stande sind.

Mit 35 Jahren ist die Jazz Swing College Band der Musikschule Krefeld nun „zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein“, und so gibt es für die nähere und auch fernere Zukunft durchaus noch offene Wünsche zu musikalischen Projekten, deren Erfüllung das Publikum des Abends mit Sicherheit voller Spannung entgegensieht.

Werner Lichtenberg